Erinnern Sie sich noch an die kleine Knospe des Cot (oder Malbec) vom Anfang des Monats?
Knapp 4 Wochen später hat sich daraus ein schöner Trieb entwickelt, an dem sich nicht nur die Blätter entfalten, sondern
auch die kleinen Traubenstände schon deutlich zu erkennen sind.
Hier als Diashow ein Zwischenbericht:
Die Sorte gehört zu denen, die sehr früh ausschlagen (ungefähr zur gleichen Zeit, wie unser Pinot Noir) und dann ca.14 Tage nach dem
Pinot auch ihre Reife erreicht. Wir verwenden sie für unsere Cuvée Les Échelles de Lisson, in der sie mit den beiden Cabernetsorten, dem Merlot und dem petit Verdot
assembliert wird.
Nach Möglichkeit werden alle Sorten gemeinsam vergoren - wobei der Côt so etwas wie den Starter (pied de cuve) für die anderen, später reifen Sorten abgibt, gefolgt vom Merlot,
Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und schließlich dem petit Verdot, der als letzter reift.
Nach dem Pumpen im Keller tut der Gang in den Weinberg bei strahlendem Sonnenschein wieder besonders gut. Während ich auf dem Weg nach
oben schon viele Pausen mache, um die ersten überzähligen Knospen von den Stöcken zu streifen, die trotz eines rigorösen Winterschnitts sonst die Zahl der Triebe im Sommer durch unerwünschte
Seitensprosse an den Stämmen und vor allem im Fußbereich der Reben zu stark erhöhen würden, ist Klaus schon wieder in voller Rüstung bereit, den von nun an andauerndern Kampf um die
Eindämmung der Wuchskraft unserer natürlichen Dauerbegrünung aufzunehmen.
Eine Tätigkeit, bei der man sich gut gegen den Flug von kleinen Steinen und Holzstückchen schützen muss, bei der er also nicht gerade einem
entspannten Spaziergänger ähnelt.
Polster an den Schienbeinen, feste Hosen und dicke Handschuhe, der Helm mit Visier über der Schutzbrille und die Ohrenschützer sind da Pflicht
und machen deutlich, warum die Arbeit bei steigenden Temperaturen immer beschwerlicher werden wird...
Es ist auch nicht angeraten, in der Nähe zu arbeiten, denn die Geschosse, die die Motorsense aufwirbeln kann, fliegen leicht schon einmal
10 bis 15 Meter und können auch aus dieser Entfernung noch erheblich weh tun.
So legte ich schnell eine sichere Distanz zwischen uns und stieg in die auch vom Geräuschpegel her ruhigeren Höhen des Pinot auf.
Unterwegs blühen jetzt auch an den Wegen und in den Mauern die roten Spornblumen (Centhrantus ruber), die hierzulande
poetisch Lila d'Espagne (spanischer Flieder) heißt. Sie werden uns bis in den Herbst begleiten und sind gern gesehene Gäste für Insekten und Schmetterlinge.

In den Terrassen der Echelles de Lisson schmücken noch vereinzelt alte Ranken die Drähte der Verspannung, les vrilles auf Französisch und bilden kleine Skulpturen, die an die Kraft
erinnern, mit der sich die Triebe der Reben im Sommer hier festkrallen werden.
Eine alte Sichel, die irgendwann im Gelände vergessen wurde, erinnert an die Zeit vor der Erfindung der Motorsense:
Nach ein paar Stunden treiben mich Hunger und einsetzende Müdigkeit hinunter zum Haus - die Motorsense ist nicht mehr zu hören - aber
Klaus hat ganze Arbeit geleistet: die Weinstöcke hinterm Haus recken ihre Arme freudig dem Himmel entgegen.
Diese Methode ist zwar etwas mühsamer, als ein Durchgang mit der Giftspritze und in feuchten Jahren auch öfter zu wiederholen, aber zumindest
findet man so keine Unkrautvernichtungsmittel als Rückstände in Boden, Pflanzen und Wein!
Sollten wir nach dem eher trockenen Winter einen feuchten Sommer bekommen, muss das Ganze natürlich noch ein- bis zweimal wiederholt werden ....
das Jahr wird's zeigen.
Zum ersten Mal in diesem Jahr flossen sie gestern reichlich, die Tränen der Reben, der aufsteigende Saft, der ab einer
Durchschnittstemperatur von 8°C im Frühjahr aufsteigt und so beim Winterschnitt aus den Schnittstellen austritt.
Für mich ein Zeichen, mich mit dem Rebschnitt jetzt zu sputen, denn auch wenn es sich um einen normalen Vorgang handelt, bei dem die Rebe die
Schnittstellen mit den im Saft zahlreich enthaltenen Inhaltsstoffen schützt und schließlich mit einem Harzpfropfen verschließt, ist es doch ein Zeichen des Aufbruchs. Bald werden die
Knospen der frühreifen Sorten schwellen und dann ist es bis zum neuen Ausbruch nicht mehr weit.
Die ersten Bilder junger Triebe habe ich heute morgen bei einem
Kollegen aus dem Roussillon gesehen, der sie - sehr frühzeitig in diesem Jahr, für den Muscat à petit grain, also die kleine Muskattraube,
festgehalten hat. Natürlich nicht ohne auf die Gefahr von Spätfrösten hinzuweisen, die in diesem Stadium großen Schaden anrichten und nicht nur die Ernte dieses
Jahres in Gefahr bringen können, sondern auch Auswirkungen auf das folgende Jahr haben könnten, da nach einem extremen Frostbefall manchmal noch einmal neu
geschnitten werden muss.
Die Sorge ist ernst zu nehmen, auch wenn sie sich in die lange Jereminade der Winzer einreiht, die, abhängig von der Natur, wohl erst beruhigt
schlafen, wenn die Ernte im Fass vergoren ist.
Elegie der Wengerter
Jammernd dappet’se durch d’Wengert,
heulend, ('s schmerzt scho in de Ohre)
von morgends früh bis Obends dämmert
„de ganze Bettl isch verfrore".
Zeigt sich dann doch en Hoffnungsschimmer
kommt die Kalte Sophie, Mitte Mai
hört m'r wieder e Gewimmer
„jetzt isch’s ganz bestimmt vorbei".
Sieht m’r trotzdem Rebeblüte
so isch’s zu spät, wie könnt’s aus sei
blühn sie zeitig, s’isch zum Wüte
regert’s ganz gewiss druff nei.
Wenn d’Rebe doch noch Traube trage
hen’s d’Wengerter no lang net leicht
m’r hört se jetzt scho wieder klage
mol isch’s zu trocke, mol zu feicht.
Oktober, Lese, volle Kübel
bald gibt’s wieder neie Wie.
D’Qualität isch gar net übel
bloß: mehner könnt’s jo scho no sei.
Die Wengerter sen voller Klage
un des fascht über’s ganze Johr.
Sie hen e schwere Bürd‘ zu trage
un kriege früh scho graue Hoor.
gefunden hier auf der Infoseite der schönen Weinlyrikseite des Staatsweingutes
Weinsbergs.
Natürlich haben diese Tränen auch schon immer die Neugier, nicht nur der Winzer, erregt.
Elmar M. Lorey hat in seiner Weinapotheke und auf seiner Webseite die lange Geschichte dieser Beschäftigungen aufgeführt. Von
Plinius über Hildegard von Bingen bis ins 19. Jahrhundert wurden so Rebtränen als Heilmittel gegen ungefähr alles, von Augen- und Ohrbeschwerden über
Brechreiz, Sommersprossen, Warzen und selbst Vielsauferei empfohlen. Seit Kurzem ist sogar der Begriff Rebtränen von einem geschäftstüchtigen Winzer als
Markenname für kosmetische Produkte geschütz worden.
All das, und auch die Dosierung der bisher gefundenen 32 Inhaltsstoffe des Saftes findet
man ausführlich dargestellt hier.
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