Unser Blog soll Ihnen die Gelegenheit geben, rund ums Jahr an den aktuellen Arbeiten auf unserem kleinen Gut in
Südfrankreich teilzunehmen. Unsere Webseite stellt uns zwar bereits in drei Sprachen vor, aber wie viele Webseiten, ist sie eher
statisch aufgebaut. Ein Blog (es gibt ihn schon in Französisch: hier) erlaubt hingegen, viel spontaner, aktueller und
auch weitläufiger über das, was wir tun, was uns bewegt und wofür wir uns sonst noch interessieren, zu schreiben.
Begleiten Sie mich also auf dem Weg durchs Winzerjahr. Hinterlassen Sie Ihre Kommentare oder stellen Ihre Fragen, damit aus diesem Blog ein lebendiges
Kommunikationsmittel wird.
Nach einem ausgedehnten, teils interessanten, teils befremdenden aber auch amüsanten längeren Ausflug in die Welt der deutschen Weinblogger, sei's
als Beobachter ihrer Querelen, sei's als rasender Weinrallyereporter, ist jetzt wieder Ruhe in Lisson eingekehrt und die Winzerin widmet sich ihren eigentlichen
Aufgaben.
Zum Glück ist das schöne Wetter auch zurück - also Rendez-vous avec le Soleil beim Winterschnitt im Weinberg.
Über den Ablauf dieser zeitaufwändigen Arbeit, bei der man eine der wichtigsten Grundlagen für die Qualität des kommenden Jahrgangs legt, habe ich ja schon
Anfang Januar berichtet. Da gibt es auch Links auf frühere Artikel zu diesem Thema und Quellen bei anderen
Winzerbloggern.
Seit gestern gibt es aber zum erstem Mal auch Fotos davon. Alle vorausgehenden Versuche, mit Rechts zu schneiden und mit Links gleichzeitig die Raiser und die Kamera zu halten und
dabei etwas anderes als ein Stück Ärmel oder eine Schuhspitze aufs Bild zu bannen, schlugen in den vergangenen Jahren kläglich fehl.
Diesmal unterbracht Klaus freundlicherweise kurz seine Holzfällerarbeiten im benachbarten Grüneichenwäldchen , um mich auf frischer Tat im Bild festzuhalten.
Ich arbeite, wie schon berichtet, mit einer elektrischen Rebschere der Firma Electrocoup (und bekomme für diese Schleichwerbung keinerlei Rabatte oder Sonderklicks:-)). Sie
wird mit Akupacks betrieben wird, die man wie einen kleiner Rucksack auf den Rücken schnallt und für ungefähr 8 Stunden Autonimie garantieren, ehe man sie wieder aufladen
muss. Vorne hängt, wie beim Sherif im wilden Westen ein Lederhalfter am Gürtel, in das man die Schere stecken kann, wenn man mal ein paar Schritte läuft,
um den Rücken zu strecken.
Meine Haltung auf den Fotos ist natürlich besonders schlecht fürs Kreuz und geradezu unprofessionell - auch bei geringen Steigungen sollte man sich immer
unterhalb des Rebstockes positionieren und so gegen den Hang geneigt arbeiten, um den Rücken zu schonen. Aber was tut man nicht alles für eine
Fotosession...
Wie schon im Januarartikel erklärt, forme ich hier nach dem Gobelet- oder Becherschnitt. Man sieht auch am nicht gestutzten Rebstock hinter mir, dass es sich beim
Mourvèdre um eine Rebsorte mit sehr wenig biegsamen, aufrecht wachsenden Ruten handelt, weshalb man hier auch auf jede Form von Stütze oder Anbinden verzichten
kann. Man muss bei solchen Rebsorten nicht fürchten, dass die Ruten mit den Blättern später am Boden liegen und so die weiteren Arbeiten behindern, wie z.B. das regelmäßige Sensen
unserer Dauerbegrünung, den Durchgang für eventuell notwendige Spritzungen oder auch, ganz am Ende, die Ernte.
Die im Idealfall auf 5 bis 6 fruchttragende Ruten beschränkten Weinpflanzen sind durch diese aufrechte Haltung auch immer ideal durchlüftet, so dass keine
Staunässe entsteht und eventuelle Feuchtigkeit nach Regen schnell wieder abtrocknet. Das spart Spritzmittel und ermöglicht in trockenen Jahren, wie z.B. 2007, mit
nur einer Kupferkalkspritzung im Juli die Pflanzen ausreichend zu schützen - in nördlicheren oder westlicheren Breiten ( Champagne oder Bordeaux) konnten die
Kollegen im letzten Jahr in ihren regengebeutelten Weinfeldern mit starkem Befall von falschem Mehltau nur davon träumen.
Hier ein schön offen geformter Stock, an dem man deutlich sieht, dass das Innere für die spätere Sonneneinstrahlung und damit für eine maximale
Fotosynthese gut geöffnet ist.
Der kurze Anschnitt ist auf dem letzten Foto dieser Serie gut zu erkennen. Ich schneide so, dass über dem schlafenden Auge an der Basis des Pfropfens
ein freies Auge für den zweiten Fruchtreiser bleibt.
Damit sind von meiner Seite die Weichen für die angestrebte Ertragsmenge gestellt - den Rest bestimmt das Klima des Jahrgangs. Nach unserer Erfahrung sollte man beim
Mourvèdre eine Etragsmenge von 20 bis 25 hl pro Hektar nicht übersteigen, wenn man konzentrierte Weine mit hoher Lagerfähigkeit für den Barriqueausbau anstrebt,
wie sie auch von den besseren Traditionsgütern in Bandol gemacht werden.
Mourvèdre gehört seit einigen Jahren auch zu den Verbesserungs-Rebsorten (cépages améliorateurs) der meisten hiesigen AOCs, wie Saint
Chinian, Faugères und generell die Weine der Coteaux du Languedoc. Die Rebsorten Mourvèdre,Syrah, Grenache und
Lledoner Pelut müssen mindestens 40% (seit 2005 50%) der Anbaufläche eines AOC Winzers ausmachen und neben den traditionellen Rebsorten
Carignan und Cinsault auch zu entsprechenden Mindestanteilen (Mourvèdre mindestens 5%) in die Mischsätze
(Assemblages) aufgenommen werden. Reine Rebsortenweine, wie wir sie in Lisson oft aus 100% Pinot Noir oder 100% Mourvèdre erarbeiten, sind
vom AOC ausgeschlossen und müssen als Vin de Pays oder, wie in Lisson, als Vin de (très bonne) Table gekennzeichnet
werden.
Und weils gerade so schön passt, hier als Anhang noch ein paar Zahlen.
Während bei den AOCs die Ertragsmengen je Appellation auf 45 bis 55 hl/Ha beschränkt werden müssen, sind für VdP und VdT oft 80
bis 90 hl/Ha erlaubt. Je nach Verkaufskurs an der Weinbörse kann sich ein Weinbauer also ausrechnen, ob er besser auf Menge oder Qualität setzt -
ein einfaches Rechenexempel Quelle ONIVIN (Office National Interprofessionnel...des Vins) für die letzten
statistisch ausgewertet vorliegenden Kampagnen:
Bei abgerundeten Zahlen (ich bin rechenfaul) ergäbe das für einen durchschnittlichen Weinbauern, der seine Entscheidungen nicht vom Mythos Wein, sondern von seinem
Bedarf an Monatseinkommen für die Familie abhängig macht für als AOC deklarierten Wein ein potentielles Einkommen von 4000 €/Ha, für einen, wegen
seiner höheren Ertragsmenge nur als VdP zugelassenen Wein ein mögliches Einkommen von 4500 €/Ha. Faites votre calcul!
Für Neugierige zum Selbststudium hier noch ein paar Zahlen aus der gleichen Quelle zu einer anderen Region, die dieser Tage stark in der Diskussion auftauchte:
AOC: Bordeaux: 1997/98 von 157,3 €/Hl auf 2004/2005 96 € /Hl
Saint Emilion et Grands Crus: 1997/98 von 398,8 €/Hl auf 2004/05 307,0 €/Hl
Medoc: 1997/98 von 322,7 €/Hl auf 2004/05 166,4 €/Hl
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