Mercredi 17 septembre 2008
Werbung für Alkohol oder deren Einschränkung oder gar Verbot sind in den letzten Wochen erst in Frankreich und nun auch in Deutschland beliebte Blogthemen.
Dahinter stehen sicher nicht nur die Interessen der Internet-Weinjournalisten, die bei einem Werbeverbot ihre Felle durch entsprechende
Werbeeinnahmen ihrer Seiten davonschwimmen sehen, sondern - zumindest in Frankreich, wo entsprechende Verbote die Kommunikation über Wein ja schon seit gut 17 Jahren stark einschränken,
auch die Bemühungen einer wachsenden Zahl von Winzerbloggern, die im Internet eine kostengünstige und der Größe ihrer Struktur angepasste Möglichkeit entdeckt haben, in direkten Kontakt mit ihren Kunden und
anderen Weininteressierten zu treten, die ja nicht alle im näheren Umkreis der Güter wohnen.
Informationen rund um ein Gut, seine Philosophie, seine Kultur- und Kellerpraktiken und die Menschen, die dahinter
stehen, können so kontinuierlicher, weitreichender und direkter vermittelt werden, als auf anonymen Weinmessen mit normierten Ministänden. Die Aussagen sind umfassender und persönlicher als in
einer oft zu teuren Anzeigenkampagne und man ist nicht auf die immer seltener werdenden, da nach Aussagen von Branchenvertretern (editorial Geiz ist Dumm) immer schlechter bezahlten Fachjournalisten der wenigen, verbleibenden Weinzeitschriften angewiesen, die oft doch
nur den Mainstream der bekannten Namen und Appellationen bedienen.
Und für die Kontakte, die man sich als Winzer wünscht, mit Weinliebhabern, die selbst vorbeikommen und Fachhändlern, die auch mal einen
unbekannten Winzer in ihr Sortiment aufnehmen, selbst wenn er sich nicht über die Niedrigpreisschiene in ihr Herz geschlichen hat, ersetzt ein gepflegter Blog alle Newsletter per Post und erlaubt
es, ganzjährig "seinen" Wein vom Weinberg über den Keller bis in die Flasche zu verfolgen.
Wenn beim Bloggen noch ein reger Austausch mit Berufskollegen, wie hier in Frankreich, entsteht und auch private Weinund
Winzerblogger aus der so viel verschrieenen Anonymität des Webs heraustreten und es zu "echten" Begegnungen kommt - und der Winzer Spass am Schreiben hat - sind alle
Parameter vertreten, um trotz der scheinbar immer gleichen Ingredenzien auch nach nunmehr 3 Jahren einen jeweils individuellen Blogjahrgang zusammen zu stellen.
Das alles bewegt sich in Frankreich dank des inzwischen auch in Deutschland bekannten Loi Evin in einer legislativen Grauzone. Der
französische Senat konnte sich angesichts der Proteste der Anti-Alkohol-Lobby nicht dazu durchringen, Kommunikation über Wein im Internet wenigstens für Winzer freizugeben - selbst im
Rahmen der stark einschränkenden Bedingungen der für Presse und TV geltenden Regelungen. Das Medium ist zu populär bei der Jugend ist eins der Hauptargumente - ob das auch für Wein- und
Winzerblogs gilt, ließe ein Blick in das, was wir im allgemeinen schreiben, mich eingentlich stark bezweifeln - das Thema wurde aber wohl in dieser Hinsicht auch noch nicht
untersucht...
Und so stecken viele von uns den Kopf in den Sand, hoffen, dass man sie da nicht sieht und sie so lange weiter machen können, wie es eben
geht. Vielleicht wird auch die schleichende Selbstzensur um sich greifen
- und so wurde ich Ihnen zum Beispiel besser nicht erzählen, wie sehr es mich gefreut hat, vor ein paar Tagen einen (französischen) Vater mit zwei halbwüchsigen Kindern
in Lisson zu Gast zu haben, der nach dem obliganten Rundgang über den Weinberg (gesunde andertalb Stunden bergauf zu Fuss - viel frische Luft, ungespritzte Brombeeren
und Feigen unterwegs - Blick auf eine atemberaubende Landschaft und eine kleine Ahnung davon, wieviel Knochenarbeit in so einem Gelände steckt und nötig ist, um die jetzt noch an
den Stöcken hängenden, gesunden Trauben am Ende eines Jahres zu ernten) - einem Blick in Gärkeller und Barriquekeller (was darüber aufklärt, wie gering die Ausbeute einer
qualitätsorientierten Produktion im Vergleich zu den Weinfabriken der Küstenebene sein kann), ausdrücklich um eine Verkostung auch für die Teenis bat, die er ihnen als
Premiere versprochen hatte. Das erste Mal - ganz schön viel Verantwortung!
Die Wahl fiel auf einen Jahrgang, der nicht zu taninbetont und damit leichter zugänglich ist. Gelernt haben sie, zunächst die Farbe zu
erkunden, dann die gekonnte Drehung des Inhalts im Glas - wobei mir zum ersten Mal bewußt wurde, dass man das sowohl rechts- wie linksrum betreiben kann:-) - dann die Erkenntnis,
welche Veränderung das bei der Wahrnehmung der Aromen in der Nase bringt - für die beiden eine neue Entdeckung, die sie erst mal eine ganze Zeit beschäftigte. Danach ein kleiner
Mund voll - auf der Zunge halten, mit den charakteristischen Geräuschen belüften, nach hinten schnuppern - auch beim Geschmack spielt der Geruchssinn ja eine sehr große
Rolle - ja und dann riet ich schlicht zum Ausspucken, um sich den Spaß an der Entdeckung nicht durch den ja auch enthaltenen Alkohol zu verderben.
Die Anregung wurde dankbar aufgenommen - handelt es sich im Mund von Ungeübten ja doch noch um gewöhnungsbedürftige Geschmackseindrücke. Länge kann man auch so noch nachprüfen und
der Duft am Boden eines geleerten Glases sagt oft sehr viel über die Qualität eines Weins. Die Zeit reichte nicht mehr für einen zweiten oder dritten Wein, der andere Aromen betont
hätte, Fachsprache blieb außen vor. Was sie wohl mitgenommen haben, ist die Erkenntnis, dass Genuss Zeit braucht, alle Sinne beteiligt und guter Wein wohl nicht die
passende Droge für's binge-drinking ist.
Käme ich für diesen nicht geschriebenen Bericht jetzt bei der Jugendschutz- und Anti-Alkohol-Lobby auf den Index? Kann sein - persönlich war ich nach dieser kleinen Episode eher stolz
und glücklich - und mitgenommen haben sie für das abendliche Rockkonzert eine Tüte mit Feigen, Tafeltrauben und Weinbergpfirsischen aus unserem
Garten - damit die Vitamine stimmen und die Geschmacksnerven nicht verlernen, was Fruchtcharakter in seinem reinen Ausdruck bedeutet.
Par Iris Rutz-Rudel
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Publié dans : Essen und Trinken
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