Zum ersten Mal in diesem Jahr flossen sie gestern reichlich, die Tränen der Reben, der aufsteigende Saft, der ab einer
Durchschnittstemperatur von 8°C im Frühjahr aufsteigt und so beim Winterschnitt aus den Schnittstellen austritt.
Für mich ein Zeichen, mich mit dem Rebschnitt jetzt zu sputen, denn auch wenn es sich um einen normalen Vorgang handelt, bei dem die Rebe die
Schnittstellen mit den im Saft zahlreich enthaltenen Inhaltsstoffen schützt und schließlich mit einem Harzpfropfen verschließt, ist es doch ein Zeichen des Aufbruchs. Bald werden die
Knospen der frühreifen Sorten schwellen und dann ist es bis zum neuen Ausbruch nicht mehr weit.
Die ersten Bilder junger Triebe habe ich heute morgen bei einem
Kollegen aus dem Roussillon gesehen, der sie - sehr frühzeitig in diesem Jahr, für den Muscat à petit grain, also die kleine Muskattraube,
festgehalten hat. Natürlich nicht ohne auf die Gefahr von Spätfrösten hinzuweisen, die in diesem Stadium großen Schaden anrichten und nicht nur die Ernte dieses
Jahres in Gefahr bringen können, sondern auch Auswirkungen auf das folgende Jahr haben könnten, da nach einem extremen Frostbefall manchmal noch einmal neu
geschnitten werden muss.
Die Sorge ist ernst zu nehmen, auch wenn sie sich in die lange Jereminade der Winzer einreiht, die, abhängig von der Natur, wohl erst beruhigt
schlafen, wenn die Ernte im Fass vergoren ist.
Elegie der Wengerter
Jammernd dappet’se durch d’Wengert,
heulend, ('s schmerzt scho in de Ohre)
von morgends früh bis Obends dämmert
„de ganze Bettl isch verfrore".
Zeigt sich dann doch en Hoffnungsschimmer
kommt die Kalte Sophie, Mitte Mai
hört m'r wieder e Gewimmer
„jetzt isch’s ganz bestimmt vorbei".
Sieht m’r trotzdem Rebeblüte
so isch’s zu spät, wie könnt’s aus sei
blühn sie zeitig, s’isch zum Wüte
regert’s ganz gewiss druff nei.
Wenn d’Rebe doch noch Traube trage
hen’s d’Wengerter no lang net leicht
m’r hört se jetzt scho wieder klage
mol isch’s zu trocke, mol zu feicht.
Oktober, Lese, volle Kübel
bald gibt’s wieder neie Wie.
D’Qualität isch gar net übel
bloß: mehner könnt’s jo scho no sei.
Die Wengerter sen voller Klage
un des fascht über’s ganze Johr.
Sie hen e schwere Bürd‘ zu trage
un kriege früh scho graue Hoor.
gefunden hier auf der Infoseite der schönen Weinlyrikseite des Staatsweingutes
Weinsbergs.
Natürlich haben diese Tränen auch schon immer die Neugier, nicht nur der Winzer, erregt.
Elmar M. Lorey hat in seiner Weinapotheke und auf seiner Webseite die lange Geschichte dieser Beschäftigungen aufgeführt. Von
Plinius über Hildegard von Bingen bis ins 19. Jahrhundert wurden so Rebtränen als Heilmittel gegen ungefähr alles, von Augen- und Ohrbeschwerden über
Brechreiz, Sommersprossen, Warzen und selbst Vielsauferei empfohlen. Seit Kurzem ist sogar der Begriff Rebtränen von einem geschäftstüchtigen Winzer als
Markenname für kosmetische Produkte geschütz worden.
All das, und auch die Dosierung der bisher gefundenen 32 Inhaltsstoffe des Saftes findet
man ausführlich dargestellt hier.
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