Unser Blog soll Ihnen die Gelegenheit geben, rund ums Jahr an den aktuellen Arbeiten auf unserem kleinen Gut in
Südfrankreich teilzunehmen. Unsere Webseite stellt uns zwar bereits in drei Sprachen vor, aber wie viele Webseiten, ist sie eher
statisch aufgebaut. Ein Blog (es gibt ihn schon in Französisch: hier) erlaubt hingegen, viel spontaner, aktueller und
auch weitläufiger über das, was wir tun, was uns bewegt und wofür wir uns sonst noch interessieren, zu schreiben.
Begleiten Sie mich also auf dem Weg durchs Winzerjahr. Hinterlassen Sie Ihre Kommentare oder stellen Ihre Fragen, damit aus diesem Blog ein lebendiges
Kommunikationsmittel wird.
Nachdem ich den ganzen Tag nun
schon damit beschäftigt war, immer wenn ich in die Nähe des Computers kam, die neuesten Beiträge der anderen Teilnehmer für die 8. Weinrallye, deren Thema ich mir nur selber zuzuschreiben habe, zu sichten und sie hier anzukündigen, ist es jetzt höchste Zeit,
meinen eigenen Beitrag in die Tasten zu schlagen.
Auch für mich liegen die Verkostungen der klassischen Etiketten aus der Kathegorie mindestens einmal im Leben, weit zurück und ich
habe auch schon ausführlich darüber berichtet. Einen anderen Teil meines Pulvers habe ich dann vor 14 Tagen für die
französische Weinrallye, die Vendredis du Vin # 10 verschossen, für die ich diesmal auch verantwortlich
zeichnete.
Wer jetzt sagt, dass ich es mir mit dieser doppelten Themensetzung aber sehr einfach gemacht habe, dem werde ich natürlich entgegnen, dass das Ziel eine
komperative Studie sozio-kultureller Einflüsse beim Weinkauf nach hedonistischen Kriterien in einer durch ihr partielles Freizeitverhalten definierten und Web 0.2 orientierten
multikulturellen Verbrauchergruppe war. Ätsch!
Nachdem dort nur Weine aus meinem privaten Weinkeller vorgestellt wurden, zu denen ich eine besondere Beziehung habe, weil ich die Winzer (oft sogar die Trauben)
kenne und alle eins gemeinsam haben: sie sind nicht mehr oder waren nie im Handel, habe ich mir für heute eine Flasche aufgehoben, die ich wirklich nur aufgrund
ihrer Ausstattung, wie man das nennt, erstanden habe.
Objektbeschreibung:
Ein Rotwein in einer schönen, schweren Burgunderflasche hell-milchkaffeefarbener Kapsel und einem diskreten, leicht
verformten, crèmefarbenen Halb- oder Viertelmond auf büttenartigem Papier auf der Vorderseite.
Lesen kann man darauf in handschrift-ähnlicher Kalligraphie : rendez-vous du soleil. Erst auf dem Rückenetikett erfährt man, dass es sich einen
Vin de Pays Côtes de Brian 2002 von Nicole und John Bojanowski, Winzer aus St-Jean de Minervois, 34 360 France handelt.
13,5% Alkohol.
Saint Jean du Minervois liegt in der Kalklandschaft des Minervois im Hérault, Languedoc, also auch nur ca. 30 km südwestlich von Lisson. Alles, was
man über die Winzer und das Weingut "Clos du Gravillas" wissen möchte, findet man auf ihrer zweisprachigen (fr - en) Webseite.
Der Mond taucht auf mehreren ihrer Weine als Etikett auf, u.a. auch auf einem Douce Providence genannten Muscat de Saint-Jean, für
den das Dorf eigentlich berühmt ist.
Kultureller Background:
Rendez-vous du Soleil erinnert jeden Franzosen sofort an den Refrain des berühmten Chansons
von Charles Trenet:
Le soleil a rendez-vous avec la lune, mais la lune n'est pas là et la soleil l'attend..
Da sowohl Nicole Bojanowski als auch Charles Trenet aus Narbonne stammen, ist sie wohl auch mit dieser Melodie im
Ohr aufgewachsen.
Wer es hören möchte - mit Text in Französisch und englischer Simultanübersetzung - kann das hier .
Nach dem Rückenetikett stammt der Wein von alten Carignanreben (bis zu 91 Jahre alt), die zu den ersten Weinbergen des kleinen Guts gehörten.
Durchschnittliche Ertragsmenge: 20 hl/ha. Nach der Webseite wird bei den aktuellen Jahrgängen ein geringer Prozentsatz Cabernet Sauvignon beigemischt, wie im
Priorat.
Der Selbstversuch:
Und nachdem ich jetzt lange genug geschrieben habe, um dem Wein etwas Zeit zu lassen, sich von der mit 10°C doch für Rotwein recht eisigen Temperatur unseres Kellers
zu erholen, kommt der spannende Moment, in dem ich den Korken ploppen lasse (ich hasse Schraubverschlüsse!) und mir ein Glas einschenke:
In der Farbe dichtes dunkles, fast schwarzes Rot mit stark ausgeprägten Schlieren am Glasrand. Im Geruch, auch bei so wenig Lüftung
und immer noch gefühlen 15°C (also für Rotwein noch arg kalt) intensiver Duft von dunkelroten kompottierten Früchten, einer leicht vegetale, für jungen Carignan typische Noten und einer
mentholischen Frische.
Im Mund dann deutlich wärmer durch den Alkohol, aber immer noch mit einer erstaunlichen Frische, Pflaume, Eukalyptus, keine sperrigen Tannine und ein
nachhaltiger, fast sanfter Abgang, der eine ganz leichte Süße hinterläßt, ohne dabei den Rachen zu verkleben. Dann wieder Rückkehr dieses anhaltenden Frischegefühls.
Fazit: die Neugier wurde belohnt - leider erinnere ich mich nicht mehr an den Preis (ehrlich gesagt achte ich hauptsächlich darauf, nicht zu billige
Weine zu kaufen - ich weiß einfach, was es kostet, einen guten Wein zu produzieren:-)). Das Gut ist übgrigens inzwischen, nach Anfangsjahren bei Terra Vitis, im
biologischen zertifizierten Anbau, also Label AB.
Hmmm, der dürfte gleich hervorragend zum Lebergeschnetzelten in süß-saurer Sauce passen!
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