Unser Blog soll Ihnen die Gelegenheit geben, rund ums Jahr an den aktuellen Arbeiten auf unserem kleinen Gut in
Südfrankreich teilzunehmen. Unsere Webseite stellt uns zwar bereits in drei Sprachen vor, aber wie viele Webseiten, ist sie eher
statisch aufgebaut. Ein Blog (es gibt ihn schon in Französisch: hier) erlaubt hingegen, viel spontaner, aktueller und
auch weitläufiger über das, was wir tun, was uns bewegt und wofür wir uns sonst noch interessieren, zu schreiben.
Begleiten Sie mich also auf dem Weg durchs Winzerjahr. Hinterlassen Sie Ihre Kommentare oder stellen Ihre Fragen, damit aus diesem Blog ein lebendiges
Kommunikationsmittel wird.
Das heutige Thema,
"alles außer Glas", also Bag in Box, Tetrapack und andere Weindosen, obwohl schon lange im Voraus vom Kaulweinblog angekündigt, scheint nicht nur mich vor Schwierigkeiten gestellt zu haben. So geht es auch mir so, dass
ich vor den leicht erhältlichen Kanistern (bzw. inzwischen ja BiBs - Bag in Box) , die hier überall auf der Erde gestapelt auch aus lokaler Produktion beim
Lebensmittelhändler oder sogar beim Fleischer (siehe Bild unten) erhältlich sind, zurückschrecke, weil ich nicht weiß, was ich mit den restlichen 4,9 Litern dann machen sollte.
Als ich etwas mehr über die Weine auf dem Foto wissen wollte, fand ich sie auf der Webseite der Coopérativevon Roquebrun (AOC Villages Saint Chinian) unter "Tonnelet" also kleines Fass, sehr witzig.
Es gibt hier (wie bei meinem schon erwähnten Metzger und auch überall sonst), eine durchaus große Auswahl:
AOC Saint Chinian rot , Cave de Roquebrun, 5 L, 2006, 14,90 €, gibt's auch in der 10
L Box für 27,45 €. Etwas preiswerter als AOC Coteaux du Languedoc und am preiswertesten als Vin de Pays Haute Vallée de l'Orb mit
10 Litern für 20,95 €. Hier übrigens mit einem Anteil von 25% einer Rebsorte, von der ich noch nie gehört habe, dem oder der "Consault". Ich
konnte nichts darüber im Internet finden, es handelt sich aber vermutlich um eine (wohl produktive) Kreuzung von irgendwas mit Cinsault, der klassischen Traubensorte im Süden für
leichte, fruchtige Weine und Rosés.
AOC/VDQS Weine machen übrigens schon 30% des BIB-Marktsaus.
Leider paßt diese Verpackung einfach nicht zu meiner Art des Weinkonsums. Der ist eher mäßig, deshalb lege ich Wert auf beste Qualität, selbst eine Flasche reicht
manchmal über die Woche. Und bei Besuch, selbst wenn darunter eine Mehrheit als Vieltrinker bekannter deutscher oder englischer Gäste ist, bricht mein pädagogischer Eros durch, der
hofft, dass sie vielleicht doch einmal den Unterschied schmecken und ich verzichte auf "Geiz ist geil" und hole aus dem Keller, was da an guten, zur Einführung vielleicht eher
frucht- als tanninbetonten Weinen so lagert.
Leider ist bei den meisten Gegeneinladungen nicht damit zu rechnen, dass mir das mit Gleichem vergolten wird. Hier probiere ich immer mal wieder ein Glas dieser
"Fotainenweine" (so werden sie auch gerne genannt), bei dem es dann auch wegen mangelnder Begeisterung meiner Geschmacksnerven bleibt - weshalb ich auch immer ohne Probleme
recht unkalkoholisiert auf der Rückfahrt das Steuer übernehmen kann... danke, liebe Freunde!
In örtlichen Bistros und Restaurants, wo die BIBs inzwischen für die offenen Weine auch Einzug unter der Theke gehalten haben, ist es mir manchmal
lieber, ein Glas "Spezialbier" (es gibt fast überall eine breite Auswahl guter - belgischer - Marken) zu trinken, als mir den oxydierten Hauswein anzutun. Dabei kann man bei
den Rotweinen, falls sie noch nicht zu lange angezapft wurden (Haltbarkeit im BIB 6 Monate, nach Öffnung maximal 3 Wochen bei guter Kühlung) zur Pizza oder zum Steak Frites noch glimpflich
davonkommen. Deutsche Touristen, die im Sommer ein Glas offenen Weiswein auf der Terrasse ordern, halte ich, falls es nicht ihr allererster Versuch ist, allesamt
für Masochisten!
Wegen des schlechten Wetters in den letzten Tagen, habe ich es leider nicht geschafft, mich bis zum nächsten, wohlsortierten größeren Supermarkt durchzukämpfen (immerhin ca. 25 km
entfernt), um nachzusehen, wie weit die kleineren Alternativverpackungen, wie Tetra-Packs und Blechdosen, über die ich viel im Internet
gelesen habe, dort inzwischen ihren Einzug gehalten haben. 1 Liter oder gar 0,25 Liter wären für den Selbsttest ja eine durchaus bekömmlichere
Menge.
Davon kommen, nach Testläufen in den letzten Jahren in USA, Kanada, Großbritannien und den skandinavischen Ländern, auch in Frankreich immer mehr
auf den Markt. Irgendwie muß der Weinsee doch trocken zu legen sein. Da läuft das French Rabbit, das französische Kaninchen der Gruppe Boisset (Clos de
Tart), um die Wette mit Produkten von Cordier und Duboeuf, alle nicht gerade Zwerge auf dem Weinmarkt. Die Verkaufsargumentation geht von
modern, leicht, praktisch mitzunehmen bis hin zu ökologischen Argumenten mit Recycling. Für 4 verkaufte französische Kaninchen wird in Kanada ein
Baum gepflanzt und auch die Wiederverwertbarkeit wird illustriert. Es werden schon lange nicht mehr nur
einfache Massenweine unbekannter Herkunft abgefüllt, sondern, wie in den BIBs auch AOC-Weine, nicht nur das Languedoc, sondern auch Bordeaux
sind in das Geschäft eingestiegen.
Die Marktanalysen in Frankreich sprechen, selbst bei jungen Leuten, zwar noch von einer Tendenz, den Wein als kulturelles Erbe anzusehen und so
beim Packeging eher die "klassischen" Formen zu bevorzugen. Aber das gilt wohl doch hauptsächlich für den "festiven" Wein, wo die Flasche (und auch möglichst das
Plop des Korkens, sei er denn auch aus Kunststoff) zum Outfit einer festlichen Tafel gehört.
Für die Hauptkonsumenten, für die der Wein, wie im vorigen Jahrhundert, noch ein Nahrungsmittel ist, das zum täglichen Essen gehört, zeigt sich zu meinem Erstaunen, dass die
BIB-Konsumenten eher in den großen Städten leben und eher ältere Menschen (80 % über 50) und kinderlose Paare
sind. Dabei zählen die "gutgestellten" Haushalte eher zu den BIB-Kunden als die aus der Kategorie "bescheidene Einkünfte". (Quelle hier)
Aber, wie es weiter so schön heißt: "Das kulturelle Gewicht der Flasche im Weinuniversum hindert aber andere Operateure nicht daran, in die Marktlücke der Weinkartons zu investieren. Die Firma
Trilles(Val d'Orbieux - bekannt durch den so beliebten "Vin Mythique"), hat eine Palette von Vins de Pays d'Oc in 25 cl Kartons herausgebracht, die
direkt aus der Verpackung getrunken werden können, mit einem Premium Teleskop Trinkhalm." was auch immer das sein mag. Die Seite der Firma ist im Moment leider "außer Betrieb".
"Der Bordeaux Händler Cordier setzt auch auf den Tetra Prisma 25 cl, aus zwei Bordeaux-Rebsorten, indem er Tandem als AOC
Bordeaux auf den Markt bringt, mit einem "sensorischen" Trinkhalm mit mehreren Düsen, der "das gleiche Gefühl im Mund wie beim Trinken aus dem Glas" erzeugen soll." (hier)
"Dieser Markt für Spaßweine für den Nomaden-Konsum und/oder das Freilufttrinken führt auch zur Entwicklung von Büchsen
(siehe oben) oder mit Aluminium verschlossenen Gläsern."
Davon konnte ich schon nach meiner letzten Deutschlandreise aus dem TGV berichten (hier).
Selbst Michel-Edouard Leclerc, Besitzer einer der größten Supermarktketten Frankreichs, führt in seinem Blog aus, dass, obwohl er sich anfangs irrte, weil er nicht an den Siegeszug des Weins in BIBs
und Kartons glauben wollte, diese Form der Verpackung inzwischen schon 11,2% der Umsatzsumme und 18% des Umsatzvolumens in seinen Läden ausmacht.
Leclerc besetzt inzwischen 20% des Bag in Box Marktes.
Soweit also mein "Nichtartikel" für diese Ausgabe der Weinrallye. Ich hoffe, dass der Leser doch ein paar interessante Einzelheiten erfahren konnte und mir so verzeiht, dass
bei mir auch in Zukunft der Normalfall einer Verkostung von Wein, der nicht aus der Flasche kommt, bei der Fassprobe in meinem Keller
stattfindet.
Aber noch mal ein großes Bravo für all die tapferen Selbstversuche der anderen Rallyeteilnehmer, die ich heute schon gelesen habe und die uns der Kaulwein-Blog dann sicher in voller Breite vorstellen wird.
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