Nach der schönen und vor allem prompten Zusammenfassung der Alltagsweinrallye (Nr. 9) durch den Themengeber
Harald Steffens vom Weingut Steffens-Kess folgt auch schon die Ankündigung der nächsten Herausforderung für die immer
zahlreicheren Rallyeteilnehmer: Christoph Raffelt von originalverkorkt wünscht uns etwas Leichtes und Spritziges im Glas und fordert
uns auf, die Rebsorte Chenin Blanc – als unbekannte Vielfalt zwischen Kult- und Massenwein zu entdecken.
Für ihn fristet Chenin Blanc, im Gegensatz zu anderen klangvollen französischen Rebsorten, eher ein Schattendasein. Um dies ein klein wenig zu ändern und die Traube neu zu entdecken, wählt er
sie als Thema der 10. Weinrallye.
Nun, in Lisson ist der Chenin keine ganz unbekannte Größe. Um ein wenig ins Thema einzuführen und einen kleinen Vorgeschmack
auf die Weine meiner Lieblingswinzer aus dem Loiretal zu geben, habe ich aus den Archiven der französischen Ausgabe des Lisson-Blogs zwei Artikel über unseren Chenin
herausgesucht.
Vor etlichen Jahren hatten Claude und ich ein paar im Mourvèdre hinterm Haus verstreute Pfropfunterlagen dazu genutzt, um sie mit Chenin zu
veredeln. Wir wollten so im eigenen Experiment herauszufinden, ob die Rebsorte z.B. unseren Gobeletschnitt verträgt, wie die Trauben in unserem
Klima reifen und ob sie, im Gegensatz zum Mourvèdre, während des Wachstums ein Stützsystem in Form von Drahterziehung oder individuellen Pflählen (wie beim
Pinot) benötigen oder nicht.
Langfristiges Ziel war die Pflanzung einer kleinen Parzelle ganz oben auf unserem Hügel (in 300 m Höhe), da, wo der Nordwind weht und vielleicht
eine langsamere Reife ermöglicht, damit wir in gesundem Klima Trauben als raisins passerillés (Trockenbeeren) für einen Weißwein mit natürlichem
Restzucker, wie an der Loire, ernten können. Chenin bietet dabei mit seinem hohen natürlichen Säuregehalt eine bessere Chance als z.B.
Chardonnay oder die klassischen Weißweinsorten des Südens, trotz unseres heißen Klimas noch genügend Rückrat zu behalten.
Außerdem kann man solche Weine auch in einem Betrieb wie Lisson Weißwein erarbeiten, wo bei der Weinbereitung auf externe Energie für Kühlen oder Aufheizen der Maische komplett verzichtet
wird. Getreu unserer Devise: lieber slow mit no Watt - also garantiert ohne die technischen Hilfsmittel der Temperaturkontrolle, bei
der oft nur Weine mit uniformen Primäraromen herauskommen.
Hier also eine schöne Chenintraube aus der Ernte vom 30. September 2005. Diese Trauben muss ich jedes Jahr
im letzten Moment vor den Erntehelfern schützen, die im Eifer des Gefechts gerne Alles abschneiden, was noch an den Stöcken hängt und so die kostbaren Trauben in den Kisten mit dem Mourvèdre
verschwinden lassen könnten. Auch Klaus gehört nicht zu den Fans meiner Experimente, er ist kein Freund der bauchigen Glasflaschen mit meinem "Weißwein", die oft genug im
Ausguss enden, weil ich doch den Zeitpunkt verpasst habe, an dem ich sie hätte abziehen müssen, um sie vor der Gefahr einer drohenden Oxydation zu bewahren, die umso größer
ist, je kleiner die verarbeiteten Mengen in zu großen Gefäßen sind. Ich weiß heute, dass ich auch mir bei Mikrovinifizierungen Grenzen gesetzt
sind.
Wenn ein oder zwei Kisten mit den kostbaren Trauben gerettet werden konnten, folgt die zweite Hürde. Da es ja hier um
eine Weißweinbereitung geht, muss sofort gekeltert werden. Unsere Presse wäre zwar für die meisten Winzerkollegen schon eine antiquarische Winzigkeit, aber hier
erweist sie sich noch als viel zu groß. Vor allem für Trauben, die fast mehr Zucker als Wasser enthalten.
Zum Glück können wir auf das Miniaturmodell einer vertikalen Korbpresse eines guten Freundes zurückgreifen.
Aber auch damit war es noch ein schwieriges Unterfangen. Schließlich habe ich in zwei Durchgängen gepresst.
Zunächst, wie für meine anderen Rebsorten mit den Rappen (Stiehlen), anschließend, angesicht der geringen Saftausbeute ein zweites Mal, nachdem
ich zuvor jede einzelne Traube von Hand entbeert habe.
Und 2005 folgte darauf sogar noch ein dritter Durchgang mit meiner kleinen Zitronenpresse - um noch ein paar
Gläser mehr zu erhalten!
Der zweite Pressvorgang ohne Rappen ergab natürlich
mehr Trübstoffe im Saft - das ist einer der Gründe, warum wir bei Rotweinen auf das Entrappen verzichten, da sie im Tank und vor allem auf der Presse einen
natürlichen Filter bilden und so ein von Anfang an klarerer Saft in die Fässer fließt. Allerdings sind auch bei der Rotweinbereitung eventuelle Tannine aus den
Rappen nicht so tragisch - vorausgesetzt, diese waren bei der Ernte ebenfalls gut gereift.
2005 ergab diese Mühe dann die freudige Überraschung : Saft mit 17° potentiellem
Alkohol.
Da kann ich nur doppelt bedauern, dass die Alea des Lebens mich bisher daran gehindert haben, die geplante, gerodete und für eine Pflanzung
Anfang 2001 schon vorbereitete Parzelle wirklich zu bepflanzen...
2006 hatten wir übrigens das hier seltene Vergnügen die
Chenintrauben komplett mit Edelfäule (botrytis cinera), wie im Sauterne, zu ernten - leider war die Menge noch kleiner als 2005. Und 2007 war
die Fäule dann leider nicht mehr edel, als ich die letzten Stöcke ernten wollte:-(.
Inzwischen habe ich auch die Erkenntnis, dass die Sorte unbedingt eine
gestützte Erziegung benötigt, wenn man sie in unserem dauerbegrünten Weinbergbei feuchter Witterung nicht der Gefahr durch Staunässe am Boden aussetzen will. Ein
kurzer Rebschnitt ist allerdings durchaus möglich.
Conclusion: Aus der Traube des Chenin kann durchaus auch etwas anderes als leichte, spritzige Weine machen - so das Klima mitspielt. Und für Restsüße muss man nicht in
den Zuckertopf greifen. Kollegen, wie die Winzer, die in der Association Sapros zusammengeschlossen sind, haben das mit ihren
natürlich konzentrierten Weinen überzeugend bewiesen.
Meine eigenen Versuche sind allerdings bisher nur von partiellem Erfolg gekrönt worden (siehe oben). Deshalb werde ich für die 10. Weinrallye am 10.
April mit Vergnügen eine Fremdflasche aus den Vorräten meines Keller holen und hier vorstellen - auf die Fundstücke der anderen Blogger - auch aus dem
internationalen Raum - freue ich mich jetzt schon:-) - an Christoph geht der Dank für das anregende Thema!
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