Wie in jedem August kurz vor der Weinernte stand auch dieses Jahr wieder eine Kurzreise nach Deutschland, genauer nach Düsseldorf
an. Auch wenn der Zeitpunkt für den Winzer nicht der beste ist (die diesmal sehr schnell fortschreitende Reife regt eher dazu an, den Weinberg besonders aufmerksam zu überwachen, um den
bestmöglichen Erntezeitpunkt sofort zu erkennen und eventuelle Schäden in letzter Minute so gut wie möglich abzuhalten) - ein 80. Geburtstag ist aber Anlaß genug, wieder eine
Ausnahme zu machen.

Gratulation zum 80. Geburtstag !

Die bevorstehende 2. Ausgabe der Weinralley im Hinterkopf, zu der mir noch ein weißer "must-taste
Wein" unter 10€ fehlte, freute ich mich schon auf neue Entdeckungen in Düsseldorf - denn mein Keller ist in dieser Kategorie leider nur mit hochpreisigeren Elsaß, Loire- und Jura-Weinen
bestückt.
Gleich am ersten Abend , bei einem guten, fast mediteranen Essen glaubte ich fündig geworden zu sein:

Ein frischer, fruchtiger, feinnerviger Weißer, der hervorragend zum Loup de mer mit Anchovis-Knoblauchsauce, herzhaftem Salat und den mit Pilzen gefüllten Crêpes paßte, half, die Strapazen
der Reise und den Klimaschock (aus dem Hochsommer rein in den nassen Herbst) zu überwinden.
Preislich hätte der Wein sicher in die Ralley gepaßt, als ich dann aber erfuhr, dass dieser absolut trinkbare Tropfen direkt vom in Deutschland so beliebten Discounter Aldi stammt,
kamen mir doch Bedenken, ihn für die Teilnahme an der Ralley auszuwählen. Gerade als Winzer steht man diesen
Preisdrückerstrukturen ja nicht gerade voller Begeisterung gegenüber. Um der Wahrheit willen muß ich aber zugeben, dass der Wein, ein grüner Veltliner aus Österreich, dazu
offensichtlich noch aus kontrolliertem Anbaugebiet, durchaus seinen Platz bei Tisch verdient hatte und sich auch als besser verträglich erwies, als der offene Veltliner, den ich ein paar Tage
später in einem Altstadtbistro für 3,40€ das Glas serviert bekam und mit einem dicken Kopf am nächsten Morgen teuer bezahlte.


Obwohl auch im Café des Altenheims Haus Bavier in Erkrath, Wein durchaus zum Angebot gehört, habe ich es vorgezogen, mich an Kaffee und
Kuchen und die beliebten belegten Brötchen zu halten. Immerhin kam hier der Wein aus deutschen Landen: ein Portugieser Weissherbst aus Rheinhessen.
Ein Blick im Vorbeischlendern auf die Rotweinkarte einer gut eingeführten Bierkneipe mit Restaurant bewies einmal mehr, dass die Einbußen der französischen Exporte nicht von
ungefähr kommen: auch hier scheint weiter besser - aber auf jeden Fall billiger zu sein.
Weinkarte Postwirtschaft Erkrath, Frankenheim, Sommer 2007
Mein Aufenthalt in Düsseldorf, der Stadt mit der längsten Theke der Welt, ging schnell wieder seinem
Ende entgegen. Die Zeit war zu kurz, um noch weiter auf die Suche nach dem "must-taste Wein" zu gehen. Um dem Touristenblick, mit dem ich meine Heimatstadt inzwischen
betrachte, genüge zu tun, noch ein paar Schnappschüsse.
Was ich von weitem für die Ansammlung eines Volksfestes hielt, erwies sich als ganz normaler Feierabendandrang vor dem Uerigen, einem der noch verbliebenen Brauereihäuser mit Ausschank in der Altstadt.

Neben den traditionellen Holztischen, die von Zeit zu Zeit abgeschmirgelt werden können, entdeckte ich hier auch diese praktischen Konstruktionen für den
Non-Stop-Straßenausschank:

Ein Spaziergang nur wenig abseits von diesem Getümmel zeigte eine andere Seite der Altstadt - und selbst ich hätte nicht gedacht, hier mitten in der Großstadt am
Schwanenspiegel dieses idyllische Camp der beiden Karpfenangler zu entdecken (natürlich mit Anglerkarte und Sondergenehmigung!):

Der zweite Teil meines Reiseberichts rund um die Weine, denen man dabei en passant begegnet, folgt - versprochen Und dann geht es wieder hinauf in den Weinberg, wo die Trauben
während meiner Abwesenheit weiter sichtbar an Reife zugelegt haben.
par Iris Rutz-Rudel
publié dans :
Essen und Trinken
créer un trackback
Ich hätte meine Eindrücke auch für die dritte Ausgabe der vendredis du vin (die französische Ausgabe des "wine bloging wednesday") Ende
Mai, zurückhalten können, die der neue „Präsident für einen Monat“ Emmanuel Delmas von blog Sommelier-Vins.com den „Vins de Femmes“ = Weine von Frauen, gewidmet
hat.
Denn an der Spitze von Château Coujan, wo ich einen sehr angenehmen Abend mit Verkostung sowohl im Keller als auch während des
anschließenden ausgezeichneten Essens verbracht habe, befindet sich seit 1990 eine Frau: Florence Guy, fünftes Glied der Winzerfamilie Guy auf Coujan und Tochter von
François Guy, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Weinbaus im Languedocfür die letzten 50 Jahre. (Für die, die auch meinen französischen Blog lesen, Sie erinnern sich vielleicht? „François Guy de Château Coujan, grand homme du vin et précurseur des cépages nobles dans la région avec ses Vins de
Pays Cabernet-Merlot, ses Mourvèdres de sa propre sélection massale était notre premier idole...“)
So kam ich also Montag am späten Nachmittag über die kleine Straße von Murviel, die durch die sanften Hügel auf die Ländereien des Château führt (100 ha, davon 65 mit Weinreben
bepflanzt). Kurz davor überraschten mich wunderschön blühende Felder - diese wogenden lila Blumen, die ich erst für Disteln hielt, stellten sich später als Phacelia heraus, eine schöne Illustration dessen, was man hier Bienenbrachen nennt.
Unter den beeindruckenden Platanen auf dem Vorplatz des Herrenhauses von Coujan wartet schon eine Gruppe von deutschen Weinliebhabern aus Hamburg, die hier auf ihrer 5. und letzten Etappe einer
Winzerrundreise im Languedoc angekommen sind. Sie sind in Begleitung von Torsten Tesch, dem rührigen Weinhändler und Traiteur, durch den sie schon viele Weine der Gegend in seiner
Weinbar « Guter Wein » in Eppendorf, einem guten Wohnviertel der Hansestadt, kennengelernt haben.
Florence Guy, die ich seit unserer gemeinsamen Zeit auf der Weinbauschule in Béziers in den 80ziger Jahren kenne, hat mich zur Hilfe gerufen, um während der
Kellerbesichtigung und Verkostung als Übersetzerin zu fungieren.
Wir folgen François Guy, immer noch so faszinierend und schelmig, trotz seiner fast 90 Jahre, zunächst in die romanische Kapelle des
Gutes, wo ein Teil des römischen Mosaiks untergebracht ist, das hier vor Jahren beim Arbeiten auf dem Vorplatz ausgegraben wurde. Dieses Mosaik ist, auch wenn es mit
seinen schwarz-grau-weißen geometrischen Formen nicht an Abbilder von Trinkgelagen aus Herkulaneum heranreicht, doch der Beweis, dass hier eine römische Villa, gestanden hat. Man
kann sich den römischen Würdenträger vorstellen, der hier, wie im Prospekt von Coujan angedeutet, "verführt von der Landschaft, in der Weinberge, Olivenhaine und Zypreen eine Mittelmeerlandschaft
von florentinischem Charme bilden" seinen Wohnsitz wählte..
Ein Teil der Kapelle stammt aus dem 11. Jahrhundert - da sie nicht als Baudenkmal klassifiziert wurde, obliegt die Renovierung den Besitzern.

Wieder im Freien, empfängt uns der Chor der Pfauen,
die hier zahlreich frei in Park
und Weinberg leben und jeden Gast mit ihren, leider im Vergleich zu ihrer äußeren Schönheit eher abschreckenden Schreien empfangen und begleiten. François Guy erklärt uns vor dem Keller das
besondere Terroir des Gutes: eine Insel versteinerter Korallen, ein ehemaliges Atoll des Helvetischen Meeres aus dem Jura, dessen röhrenförmige Struktur dem Boden sein
fantastisches Drainagepotential gibt und gleichzeitig hilft, bei großer Hitze genügend Frische aus dem Untergrund wieder hervorzubringen.

Anschließend treten wir ein in die Kühle des Kellers, der mit seinen zu beiden Seiten
aufgereihten Fassreihen schon fast einer Kathedrale ähnelt: Eichenfuder von 210 hl Inhalt, das sieht man selbst im Languedoc nicht mehr oft. Am Eingang steht beiläufig eine alte
Kutsche und erinnert an die Zeit der Marquis, der Herzöge. Im Hintergrund eine Ansammlung von merkwürdigen "Öfen", die sich als Geräte für die Fabrikation von heißem Dampf herausstellen, mit dem
die Fässer desinfiziert und das Holz feucht gehalten wurde. Alle Fuder werden nicht mehr gefüllt, da für ihre Reperatur inzwischen das notwendige Fachpersonal in der Gegend fehlt (auch Küfer ist
ein Beruf, der nicht mehr so vertreten ist, wie noch vor 100 Jahren).
Auf dem Gut wird eine breite Palette von Rebsorten angebaut : Die der : AOC
Saint Chinian - Mourvèdre 17 ha, Grenache 9 ha, Syrah 7 ha, Cinsault 7 ha, aber auch Merlot, Cabernet Sauvignon,
Rolle und Sauvignon Blanc für die vins de pays - die Landweine.
Die Cabernet- und Merlottrauben stammen von echten vieilles
vignes - alten Reben, weil François Guy schon vor über 40 Jahren ein Vorreiter des Qualitätsanbaus war, der auf den Böden von Château Coujan, lange bevor die Gurus des örtlichen Weinbaus
über qualitätsverbessernde Rebsorten nachdachten und bevor der warme Regen der europäischen Subventionen auch die anderen Bauern ermutigte, das "Risiko" auf sich zu nehmen, etwas anderes als den
Massenweinbau zu betreiben, bei dem lange Quantität mehr Ertrag brachte als Qualität.

Wir verkosten also zunächst die Palette der AOC Saint Chinian, aus Syrah, Grenache und Mourvèdre mit der Cuvée Bois Jolie und der Cuvée
Gabrielle de Spinola (welch ein Genuß, François Guy aus dem offiziellen notariellen Vertrag rezitieren zu hören, der vor Jahrhunderten zwischen der edlen Marquise de Spinola und ihrem Pächter auf
Coujan abgeschlossen wurde und diesen verpflichtete, jedes Jahr ein Fass vom feinsten Rotwein des Gutes nach Murviel zu bringen, wo dieser besondere Wein auch dem König von Frankreich ausgeschenkt
wurde, wenn er auf seinen (seltenen) Besuchen beim Landadel, hier Station machte!) Wir kosten Weine voller Frucht, aber auch mit ausgewogenen Tanninen, die uns jetzt schon gut schmecken, obwohl sie
auch noch einige Jahre lagern können

Anschließend folgen dieVins de Pays, cuvée Kenza-Marie 2003, ein Mischsatz aus Merlot, Cabernet und
Mourvèdre, noch etwas eckig und vom Holz des Ausbaus in 600 l Eichenfässern beeinflußt – sein Vorgänger, der Vins de Pays de Coteaux de Murviel 1998, zeigt sich da
schon zahmer und macht Platz für den Ahnherrn dieser Cuvée, von dem es tatsächlich noch einige seltene Flaschen zu kaufen gibt, den Jahrgang 1977, ein Wein, der sich hervorragend
gehalten hat, wie es sich für einen Wein, der die Zusammensetzung eines Saint Emilion (70% Merlot, 30% Cabernet) hat, gehört, ein Genuß durch seine verschmolzenen Tannine und seine delikaten
Frucht- und Tertiäraromen.
Und jetzt hätte ich beinahe vergessen, auch von den Weissweinen zu sprechen, Weiße von lebhafter Frische und voller Bouquet, als AOC die cuvée Bois Jolie aus den
Rebsorten Rolle (Vermentino), Grenache blanc und Roussanne und die neue Cuvée Le DiVin d'Achille, die dieses Jahr aus Trauben von
Sauvignon und Muscat geboren wurde. Der AOC Saint Chinian rosé mit seinen originellen Noten roter Beerenfrüchte und dem Duft der Garrigue (Strauchheide) erfrischt
uns. Schließlich folgt noch ein Süßwein aus edelfaulen Beeren, wie in Sauternes, (Ertragsmenge 5hl/ha), der nicht jedes Jahr eingebracht
werden kann und Aromentiefe, Süße und Lebhaftigkeit verbindet, die Dernière Cueillette, letzte Ernte, die im November erfolgte - und die hierzulande nicht als
"Spätlese" bezeichnet werden darf, da diese Name nach dem Gesetzt nur den Weinen aus dem Elsass vorbehalten ist - auch eine Form von innerfranzösischem Protektionismus.

Eine Verkostung eines Löffels mit Olivenöl des Gutes schließt den Aufenthalt im Keller ab und hilft so, die Kehle
wieder geschmeidig für das Mahl zu machen, das uns noch bevorsteht. Francois Guy erklärt noch den Unterschied zwischen "jungfräulichem" und "un-jungfräulichem" Öl, bevor wir zurück zum Haupthaus
schlendern, um das herum die Pfauen inzwischen ihre Plätze in den Bäumen und auf den Dächern eingenommen haben, wo sie sicher die Nacht verbringen werden.
Wir treten in den von Gewölben überdachten nach innen offenen Hof des Herrenhauses, wo uns weiß gedeckte Tische erwarten, um hier noch einmal während der folgenden Winzermahlzeit mit
regionalen Spezialitäten die ganze Palette der Weine des Hauses "in situ" zu testen und zu genießen.
Hier wird nicht mehr heldenhaft gespuckt, wie zuvor im Keller, sondern voll genossen produits fermiers de la région regionale Produkte aus dem Umland werden uns mit Charme von
Florence Guy und ihrem jungen Sohn Achille serviert.
Die Austern kommen aus dem Binnensee von Thau, an der Mittelmeerküste bei Sète und werden vom Rolle begrüßt. Die
großzüg servierten Wurstwaren, Bergschinken, Pâté, Boudin( Blutwurst) und Hartwürste, stammen aus Lacaune, einer kleinen Stadt auf der Hochebene der ersten Cevennenausläufer im Hinterland und passen hervorragend zum
Rosé, der grüne Spargel und das Mesclun von jungem Salat brauchen nur ein paar Tropfen hauseigenes Olivenöl und ein paar Spritzer Hausessig, um zusammen mit den anderen Weisweinen des Hauses
unseren Gaumen zu erfreuen.

Im Innenhof, vor der rustikalen Sommerküche verglühen langsam ein paar mächtige alte Rebstöcke, um die Glut zu erbringen, auf der dann
dicke Scheiben der Lammkeule "à point" gerillt werden, ein "agneau fermier", so zart, so saftig und so geschmackvoll, wie ich es lange nicht mehr auf dem Teller hatte (das letzte
Mal vielleicht bei meinem Kollegen Thierry Navarre in Roquebrun bei einem Abschlußessen unter Winzern zum Ende der Weinernte).Ratatouille und in kleine Würfel geschnittene hausgemachte
Bratkartoffeln mit würzigen Kräutern runden das Vergnügen ab – und hier sind die Rotweine an ihrem Platz.

Die Käseplatten versammeln eine schöne Auswahl von lokalen Ziegenkäsen unterschiedlicher Reife rund um einen "Bauernroquefort", der schön fett und mit dem so köstlichen Pilz durchzogen noch einmal begeistert. – hier ist L’Ile de
Corail an ihrem Platz, diese Cuvée, die nur in den besten Jahrgängen erarbeitet wird, und dann ausschließlich aus Mourvèdretrauben, die sich als empfindliche Traubensorte nur unter idealen
Bedingungen voll entfalten.

Die bauchige Flasche mit dem Siegellack statt einer Kapsel und dem schmalen, eleganten Etikett um den großzügigen Bauch wird von Florence präsentiert, die stolz ist, dass ihr Baby alle
Tischgenossen noch einmal begeistert. Es folgt noch eine Auswahl von Tartes, diesen typischen französischen Obstböden, hausgemacht auch sie und begleitet von einem letzten Glas Dernière
Cueillette, das die Gesellschaft inspiriert, zu Ehren ihrer Gastgeber und zum Dank ein sanftes deutsches Wiegenlied anzustimmen, bevor ein letzter Café allen wieder genug Schwung gibt, um
von diesem gemütlichen Innenhof Abschied zu nehmen, in dem jetzt der betörende Duft der Blüten schwebt, den sie nur nachts verströmen...

Der Mond steht schon hoch am Himmel, als drei Großraumtaxis unsere Hamburger zurück nach Beziers zur letzten Nacht in einem Landstrich
bringen, wo sie 4 Tage gesehen haben, dass "Leben wie Gott in Frankreich" kein leeres Wort ist!
Ich schlage das freundliche Angebot, auf dem Gut zu übermnachten aus (obwohl ich dabei vielleicht die schöne Ferienwohnung , den gîte
rural von Coujan hätte ausprobieren können) und mache mich auf den Rückweg nach Hause, 45 km entlang des Orbtals über Roquebrun nach Tarrassac und nach Olargues, und wieder zurück in
unserem verwunschenen Tal von Lisson. Es war schön, einen Abend in angenehmer Gesellschaft an diesem magischen Ort verbracht zu haben, an dem immer noch drei Generationen der Familie
Guy vereint zusammenleben und uns die Früchte ihrers Engagements, ihre Weine mit so viel Liebe und Begeisterung nahebringen.
par Iris Rutz-Rudel
publié dans :
Essen und Trinken
créer un trackback
Raten Sie, welche alten Jahrgänge von Lisson da gestern abend mit so viel Engagement verkostet (und natürlich auch zum Essen getrunken) wurden.
Leider fehlt die Tonspur, aber vielleicht könnte man das Ganze mit ein paar Sprechblasen ergänzen...
par Iris Rutz-Rudel
publié dans :
Essen und Trinken
créer un trackback
Vendredi 30 décembre 2005
24 Stunden in Paris – mein diesjähriges „Weihnachtsgeschenk“ – schon vor dem Fest genossen, aber die Freude hält noch an – und da geteilte Freude bekanntlich doppelte Freude ist, werde ich etwas ausführlicher darüber berichten – zumal es in erster Linie natürlich um Wein ging.
Obwohl mich Paris an diesem 16. Dezember genauso grau, windig und feucht empfing, wie mich Düsseldorf verabschiedet hatte, war schon die Fahrt im Taxi vom Gard du Nord zu meinem Hôtel am Panthéon ein großes Vergnügen. Nach vorweihnachtlich belebten Straßen und Gassen in den großbürgerlichen Häuserschluchten, die Fahrt über den Place du Louvre mit seiner Glaspyramide und die Seinebrücke – die engen Gassen des Rive Gauche, Erinnerungen an lange Fußmärsche an milderen Tagen durch dieses Viertel und schließlich Ankunft Place du Panthéon im 5. Arrondissement – das Gebäude verschwindet aus meiner Perspektive fasst hinter einer Hecke aus Weihnachtsbäumen, die mich irgendwie an Macbeth erinnern – das kommt wohl vom Wetter.

Mein Zimmer ist noch nicht bereit, aber jetzt gewinnt die Neugier Oberhand über die Reisemüdigkeit und ich stelle nur schnell mein Gepäck in die Lobby und wage mich dann raus in Wind und Regen.
Zwei Ecken weiter und schon stehe ich auf einer belebten Straße voller kleiner Läden, die, wie in vielen Vierteln von Paris abseits der Grand Boulevards, eher an eine rührige Kleinstadtstraße als an die Kapitale mit dem großen K erinnert. Es ist die rue Saint Jacques, die dieses den Universitätsinstituten gewidmete Viertel durchquert. Ich beschließe, nicht in einem Restaurant zu essen, sondern lieber ein paar Kleinigkeiten für einen improvisierten Imbiss im Hotelzimmer zu kaufen, der Magen und Gaumen vor der großen Verkostung am Abend bei Grains Nobles nicht zu sehr belastet. In einer Fromagerie – einer kleinen Käsehandlung, wie man sie so wohl nur in Frankreich findet – gibt es sogar das berühmte Pain Poilâne, echtes Brot – wie mich hier mein deutscher Chauvinismus sagen lässt – und dazu eine so große Auswahl an Rohmilchkäsen, dass die Qual der Wahl die Entscheidung wieder schwer macht. Schließlich lasse ich mir eine Ecke Brie de Meaux, bien fait, abschneiden, damit ist mein leibliches Wohl bis heute Abend schon garantiert.
Und einige Schritte weiter, wo ich vor dem Nass unter der Markise eines islamischen Buchladens Schutz suche, fällt mein Blick sofort auch auf das ideale Geschenk für meinen Gastgeber des heutigen Abends, der mich mit seiner Einladung zur Verkostung hierher gelockt hat. Für einen solchen Weinliebhaber, was könnte man besseres finden, als diese große, mit poetischen Fotos und unzähligen Kalligraphien versehene Ausgabe der 40 besten 4zeiler des persischen Poeten Omar Khayyâm über Sein und Nichtsein, die Liebe und den Wein. (Leider finde ich hierzu keinen Link, der auf eine gute Übersetzung ins deutsche verweist, die Beispiele, die es gibt, scheinen mir nicht angemessen – schade).

Immer noch rue Saint Jacques, auf dem Rückweg zum Hotel, entdecke ich einen Weinhändler, „Les Caves du Panthéon“ wie auch anders in dieser Nachbarschaft und eine Tafel, auf der mit Kreide eine Verkostung für später am Nachmittag angekündigt wird: Weine aus Bandol an der Côte d’Azur, also ist das Programm für die paar Stunden, die mir bis zum Abend bleiben, schon gemacht.
Endlich im Hotelzimmer gibt es aber erst mal ein heißes Bad (wir haben kein Bad und kein fließend heißes Wasser in Lisson, es handelt sich also um ein seltenes Vergnügen!)
Dann kommt mein gutes Lagiol zur Geltung, um Brot und Käse genüsslich zu verspeisen – ein bisschen Lektüre – die neue französische Übersetzung von Khayyâm ist wirklich fantastisch – und schon geht’s gestärkt wieder hinunter zum Weinhändler um die Ecke.
Der Winzer des Tages ist Raynald Dellile von der Domaine de Terrebrune in Bandol. Er hat drei Jahrgänge zur Verkostung mitgebracht: 2001, 1998 und 1995.

Alle drei sind, wie typisch für die Appellation Bandol, hauptsächlich mit der roten Sorte Mourvèdre erarbeitet. Hier bildet sie 80% der Cuvées, ergänzt durch Grenache und Cinsault.
Die Trauben werden entrappt, was es dem 2001 erlaubt, schon relativ weicher einher zu kommen, als unsere Lisson Weine des Clos des Cèdres. Der Ausbau erfolgt in Fudern, für mich gibt das immer eine typische Geschmacksnote, die nichts mit den Taninen von Barriques zu tun hat und die man noch häufig auch in Weinen aus dem Languedoc findet. 2001 muss auch an der Côte d’Azur ein Jahrgang mit guter Reife gewesen sein, der Fruchtcharakter der Trauben ist sehr präsent und es bleibt sogar noch ein leicht süßer Nachgeschmack in der Kehle. Der 1995ger zeigt sich gut ausbalanciert, ein Wein, der schon reif in der Flasche ist, komplex im Geschmack und erstaunlich fein, für einen Mourvèdre. Ich kann ihn mir gut als Begleiter bei Tisch vorstellen. Aber meine persönliche Vorliebe trifft der 1998ger, ein Wein noch voller Kraft, weniger ausgeglichen als der 1995, aber schon mit weiter entwickelten Aromen und mehr Pfeffer als der 2001.

Der Winzer wundert sich über meine detaillierten Fragen über Weinbereitung und Arbeit im Weinberg – und ich muss zugeben, dass ich nicht nur beruflich damit zu tun habe, sondern eben auch gerade die Mourvèdretraube in unserem Weinberg in Lisson kultiviere. Ich weiß nicht, ob seine Ungläubigkeit, dass es noch anderswo als in Bandol und Spanien Weine aus dieser Traube geben kann, nur Koketterie ist oder wirklich Wissenslücke.
Am nächsten Tag kommt ein weiterer Winzer aus Bandol hierher, Château Pibarnon würde mich natürlich auch sehr interessieren, die letzten Weine dieses berühmten Guts, die ich getrunken habe, stammten aus dem Jahrgang 1989 und waren 10 Jahre später hervorragend. Ein anderer Stil als mein Lieblingsbandol von Chateau Pradeaux, aber eben auch ausgezeichnet.
Jetzt habe ich noch eine Stunde Zeit, um meine Geschmacksnerven von den Gerbstoffen des Mourvèdre zu erholen – ich hätte vorher daran denken sollen, schließlich kenne ich das Problem von zu Hause, vor allem nach einer Fassverkostung der Clos des Cèdres...
Ich suche mir ein Bistro und finde schnell das Café de la Nouvelle Mairie, rue Fossés Saint Jacques, dass durch die Scheiben einfach und gemütlich erscheint. Welche Überraschung, beim Eintritt zu entdecken, dass es hier eine schöne Auswahl an Weinen gibt, die auch glasweise angeboten werden. Auch hier eine Tafel, auf der mit weißer Kreide die aktuellen Angebote aufgeführt sind. An den Wänden humoristische Plakate und Bilder rund um den Wein. Wenn es nicht darum ginge, jetzt den Mund frei zu spülen, würde ich gerne das eine oder andere Glas verkosten.

Aber langsam wird es nun Zeit, mich dem Ziel meiner Reise zu nähern. Auf der anderen Seite der Place du Panthéon, in einer kleinen Gasse, finde ich schnell den Weinhandel von Grains Nobles, 5 rue Laplace, wo mich die einmalige Verkostung der Weine des Jahrgangs 2002 der Domaine de la Romanée Conti erwartet.

par Iris Rutz-Rudel
publié dans :
Essen und Trinken
créer un trackback
Kommentare