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Unser Blog soll Ihnen die Gelegenheit geben, rund ums Jahr an den aktuellen Arbeiten auf unserem kleinen Gut in Südfrankreich teilzunehmen. Unsere Webseite stellt uns zwar bereits in drei Sprachen vor, aber wie viele Webseiten, ist sie eher statisch aufgebaut. Ein Blog  (es gibt ihn schon in Französisch: hier) erlaubt hingegen, viel spontaner, aktueller und auch weitläufiger über das, was wir tun, was uns bewegt und wofür wir uns sonst noch interessieren, zu schreiben.

Begleiten Sie mich also auf dem Weg durchs Winzerjahr. Hinterlassen Sie Ihre Kommentare oder stellen Ihre Fragen, damit aus diesem Blog ein lebendiges Kommunikationsmittel wird.

Ihre Iris Rutz-Rudel



Dimanche 24 février 2008

oder: how to become a flying-winemaker...



Ein Buch, das hilft, die Sprachbarrieren zu überwinden, die uns viel zu oft noch daran hindern, unsere Leidenschaft für den Wein und seine Entstehung über die Grenzen und Ozeane hinaus nicht nur  zu teilen, sondern uns auch darüber auszutauschen. 




Winemakers’ Essential Phrasebook, 344 pages
Mitchell Beazley, Octopus Publishing Group Ltd 2004.

Ein Buch in 6 Sprachen: Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Portugisisch   – ein Leifaden durch Weinberg, Weinbereitung und sensorische Analyse von Wein in ganzen Sätzen, nicht nur in Wortgleichungen, wie in klassischen Wörterbüchern, das es dem Benutzer ermöglicht, im größten Teil der Weinwelt zu kommunizieren.

Der erste Teil enthält nützliche Sätze für ein allgemeines Gespräch über önologische Theman. Der Weinbau wird in Themenblöcken wie Wetter, Pflanzung, Erziehungssysteme im Weinberg, Rebschnitt, Schädlinge, Bodenarten und vieles mehr gegliedert, bis hin zur Beurteilung der Traubenreife und zur Ernte.

Der umfangreichste Teil ist der Weinbereitung gewidmet, die in allen Spielarten,  vom Einbringen der Trauben über Auslese, Kelterarten, Malen und Entrappen, Maischestandzeiten, Zusatzstoffe, Behandlungen und Korrekturen des Weins über Ausbau, Holz bis hin zu Fragen der Abfüllung behandelt wird. Der Winzer findet hier fast alles, was ihm je im Keller begegnen kann - ich finde Dinge, die mir nie begegnet sind - der Laie bekommt einen Eindruck von der Komplexität und den Wahlmöglichkeiten während dieser Vorgänge.

Die Rotweinbereitung wird ebenso behandelt, wie die der Weiß- und Roséweine oder der Schaumweine, Porto und Xeres ebenso wie Süßweine, edelfaule oder andere, Barriqueausbau, Klärung, Laboranalysen und vieles mehr... bis hin zur Flaschenabfüllung findet sich immer der passende Satz, um die richtige Frage in jeder der Sprachen zu stellen oder das, was man macht, zu erklären.


26 Seiten mit Wortschatz und Sätzen zur sensorischen Beschreibung werden den Leser von Degustationsnotizen in anderen Sprachen glücklich machen und so manchen vielleicht ermutigen, sich selbst einmal dazu aufzuschwingen und auch an internationalen Diskussionen teilzunehmen. 

Für den  Übersetzer stellt dieses Buch die Worte in ihren fachlichen Zusammenhang. Man findet auch amüsante Unterschiede. im Teil über die Kellerarbeit (ich habe während unserer Arbeit mit der Presse einmal das entsprechende Kapitel geöffnet) bemerkt man, dass im Französischen hier zwischen Chef und Hilfskraft geduzt wird, während die Deutschen Beispiele brav in Siezform daherkommen. Der Autor des französischen Textes, Bruno Prats, ehemals Château Cos d'Estournel,  scheint mir da realitätsnaher zu sein, wenn ich an die Atmosphäre denke, die in dieser betriebsamen Zeit in den Kellern herrscht.

Die deutsche Bearbeitung stammt von Ernst Loosen, vom Weingut Dr. Loosen an der Mosel, der viel Erfahrungen mit Praktikanten aus aller Welt hat und hofft, dass das Buch "jedem Benutzer einen tieferen Einblick in die internationale Weinwelt erlaubt" und auch die Bedeutung des Weins in den verschiedenen Kulturen der Welt besser zu erfassen hilft.


Das Buch ist so natürlich vor allem eine ideale Vorbereitung und Begleitung für jeden angehenden Winzer, der als Praktikant in anderen europäischen Ländern oder auch in Übersee einmal über den Glasrand hinaussehen will.

Vielleicht könnte auch der eine oder andere Journalist hier lernen, welche Fragen er beim eigenen Besuch und der Recherche in den Weingütern der Welt stellen könnte, wenn nicht mehr ausschließlich nach dem copie/paste Verfahren aus schon bekannten Sammlungen und Presseverlautbarungen abschreiben möchte.


Für den Weinliebhaber, der sich auch dafür interessiert, wie sein Lieblingsgetränkt gemacht wird, bietet das Buch auch die Möglichkeit, beim Blättern und Schmökern durch die verschiedenen Stadien der Entstehung zu reisen, einmal auf andere Art, als in den üblichen Weinführern. Bei der nächsten Kellerbesichtigung im Urlaub kann er dann vielleicht auch einmal das fragen, wie denn eigentlich über den Verschnitt der Sorten entschieden wird oder nach welcher Methode der Süßwein gemacht wurde. 

Und an dem Tag, an dem Sie den schönen Satz "Haben sie ein Gerät für die Mikro-Oxidation? Wir sollten es benutzen." oder "Holzschips sollen in ein Musselintuch gegeben und in den Tank gehängt werden" in einer der 6 Sprachen erkennen, wissen Sie, dass die Globalisierung auch hier angekommen ist.

Nehmen Sie also in Ihrem Lieblingssssel Platz, mit einem Glas Ihres Lieblingsweins und wenn er Aromen von feuchtem Pelz oder Heu, Quitte, Lakritze oder zerriebenen Blättern hat, können Sie das im Handumdrehen in die anderen Sprachen übertragen und ihre Mitmenschen damit verblüffen, dass Sie jetzt auch die Notizen ihres liebsten Weingurus im Original verstehen. Und auf dem Rückenetikett ihres Mitbringsels von der letzten großen Reise entziffern Sie ohne Wimpernzucken, dass Sie nach baunilha, manzana, lampone, quince oder chamuscado riechen wird.  




Dimanche 23 décembre 2007

Langsam geht auch dieses Jahr  seinem Ende entgegen.  Schnee und Eis  haben sich schon wieder verabschiedet.

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So, wie wir uns darüber freuen können, dass seit gestern die Sonne wieder täglich später unter geht, die für uns auf der Talsohle dunkelste Zeit des Jahres also langsam wieder vorbei ist, so zeigen sich auch unter Frost und Eis schon die kleinen Rosenknospen, die uns schon aufs Frühjahr und seine neuen Blütenträume hoffen lassen.

Im Weinberg sollte es durchaus ruhiger zugehen: hier steht noch der gesamte Winterschnitt bevor und es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass die alten Triebe verholzen und der Saft sich auf die Stöcke und Wurzeln konzentriert, ehe ein neuer Zyklus anbricht.

Ein paar Tage Ruhe zum Jahreswechsel werden wir genießen, denn zu guter Letzt hat uns doch noch die Erkältungswelle, die im Tal grassiert, erreicht und unsere Ernegien etwas lahm gelegt.  Da ist es gut, dass wir eh keine Feiertagspläne hatten - Geschenkerummel schenken wir uns schon lange - Festtagsvöllerei muss auch nicht sein - also einfach ein paar friedlich, besinnliche Tage als Pespektive, bevor es mit neuen Kräften wieder ins Gelände geht.

Und so steht für den ersten (und in Frankreich einzigen) Feiertag zwar Wildschwein auf dem Programm - ein, wie der diesem Blog geneigte Leser inzwischen weiß, Dauerthema in Lisson. Aber eben nicht in seiner unverdaulichen Form als Eindringling im Weinberg oder schwer verdaulich mit Klößen, sondern sehr informativ auf dem Bildschirm:

In der Reihe Arte-Wunderwelten wird am Dienstag, dem 25. Dezember um 12 Uhr 35  der sehr sehenswerte Beitrag

Japan - Brennpunkt Wildschwein

von Motohito Nishibashi wiederholt, der uns 46 Minuten lang die Erkenntnisse von Professor Eguchi aus Tokio vorstellt:


"Wildschweine haben es Professor Eguchi aus Tokio ganz besonders angetan. Entgegen aller Vorurteile und Abneigungen in der Bevölkerung fand er heraus, dass sich hinter deren schwerfälligen Erscheinung ungeheure Kraftpakete mit großer Lernfähigkeit verbergen. Für Bauern bleiben die gefräßigen und wehrhaften Tiere stets Feinde ihrer Landwirtschaft. Professor Eguchi hat es sich zur Aufgabe gemacht, eben diesen Ruf in Frage zu stellen und das ungeliebte Borstenvieh und seinen Bestand zu schützen.

Im Bezirk Shizuako liegt ein Freizeitpark, der sich die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Tiere zu Nutzen gemacht hat. Seine Attraktion: dressierte Wildschweine. Der Besucher kann die Tiere bei zahlreichen, ausgefallenen Renn- oder Schwimmvorführungen erleben. Für Professor Eguchi ist der Park jedoch in erster Linie ein hervorragendes Versuchslabor, in dem er die Tiere und ihr Verhalten beobachten kann. Zusammen mit seinen Studenten führt er Experimente durch, um herauszufinden, wie man Bauern helfen kann, deren Felder von Wildschweinen heimgesucht werden. Er nimmt die Sorgen der Bauern ernst und bemüht sich, mehr über Wildschweine zu erfahren, um sie in der Folge auch besser schützen zu können."

Die duchgeführten Experimente ergänzen unsere eigenen Beobachtungen zum Verhalten dieser Tiere in freier Wildbahn und geben durchaus interessante Hinweise darauf, wie man z.B. einen Elektrozaun so konstruiert, dass er wirklich als Hindernis wahrgenommen wird. Wir haben ja schon mehrmals über unsere Schutzmaßnahmen berichtet und Klaus hat auch in Fachkreisen schon erregte Diskussion mit seinen Fragen nach technischer Information ("wieviel Ohm hat ein Wildschwein?") ausgelöst (siehe hier).  Durchaus auch lesenswert für den technischen Laien, da unser Thema auch bei Elektronikern zu einen wahren Sturm von kuriosesten Ideen geführt hat.

Dass auch im japanischen Beitrag "Hausmittel", wie Löwenexkremente, zur Sprache kommen, hat uns amüsiert -  beliebt sind auch "Humanurin" und "Menschenhaare" - aber die Studien über das konkrete Sprungverhalten der Wildschweine oder den Einsatz von Schafherden zur wildschweinabschreckenden Landschafts- und Brachenpflege sind  durchaus weniger exotisch und auch (oder gerade) in Europa leichter umzusetzen. Zumal hier auch die gleich mitgedachte Weiterverwertung von Hammel- und Lammfleisch auf ein empfangsbereiteres kulinarisches Umfeld stößt, als in Japan...

Vielleicht gehören dann irgendwann solche Bilder wirklich nur noch ins Reich der Fantasie....

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In diesem Sinne: Frohe Feiertage!





Jeudi 29 novembre 2007
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  Heute konnte man auf RJB - Radio Jura Bernois und RFJ Radio Frequence Jura ein kleines Interview mit mir über meinen französischen Blog hören, das Fabrice Aebry vor ein paar Wochen per Telefon aufgezeichnet hatte. Wenn Sie neugierig auf meine Stimme sind, können Sie es noch   hier  hören  .

Die Sendereihe heißt Série Limitée… von Montag bis Freitag wird hier ausgewählte Musik gespielt und über Filme, Multimedia News, Blogs, Promis und Tricks und Tipps berichtet. Es hat mich gefreut, dass mich dieser schweizer Redakteur für die Reihe le blog de la semaine - der Blog der Woche ausgewählt hatte.


Lundi 8 octobre 2007


Gute Frage, aufgeworfen von Wolf im Kommentar zu meinem letzten Beitrag.  Nun, aus eigener Erfahrung kann ich nicht sehr viel dazu sagen, außer einer minimalen Schwefelzugabe während des Ausbaus in unseren Barriques, wird in Lisson halt nichts hinzugefügt...

Ehe ich also – vielleicht etwas naiv und aus dem Bauch heraus antworte, dass doch wohl massenhaft und öffentlich nichts verkauft wird, was nicht auch verwendet werden darf, habe ich mich nochmals in die Websuche nach den gesetzlichen Bestimmungen geworfen – und muss zugeben, dass ich nicht sehr fündig geworden bin.  Ich habe dabei auf Französisch und Deutsch versucht, viele veraltete Seiten gefunden (vor 2005 also vor der Reform der EU-Richtlinien), endlose PDF-Dokumente, die schwer auszuwerten sind und daneben hauptsächlich Seiten von Bio-Verbänden, für die das offensichtlich (und Gott sei Dank) noch ein Thema ist, da ihnen eine einheitliche Richtlinie erst im nächsten Jahr bevorsteht.

Hier fand ich auch die folgende Auflistung vom ECOVIN Bundesverband:

"Erlaubte und empfohlene önologische Behandlungsmittel
- Kohlensäure und Stickstoff
- Schweflige Säure und Kaliummetabisulfit
- Hefe, Trockenhefe und unverdünnte frische Hefe
Förderung der Hefebildung:
- Thiamin
- Hefenährsalze
Anreicherung:
- Saccharose ( kristallisierter Rübenzucker )
- Traubenmostkonzentrat aus ökologischem Anbau
Entsäuerung:
- Milchsäurebakterien
- Kaliumbikarbonat
- Calziumkarbonat
- Weinsäure ( Malitexverfahren )
- Kaliumbitartrat
Klärung:
- Speisegelatine
- Hausenblase
- Kasein und Kaliumkaseinate
- Hühnereiweiß und Eiklar
- eisenarme Bentonite
- Siliziumdioxid in Form von Gel oder kolloidaler Lösung
Geschmacksschönung:
- Tannin
- Aktivkohle
- Kupfersulfat ( max 0,5g/hl und nur nach Analyse durch ein Fachlabor )
- Zitronensäure ( Stabilisierung von Eisen )
- pektolytische Enzyme, depsidasefrei
- Kombinationspräparate dürfen nur angewandt werden, wenn Einzelkomponenten bekannt und zugelassen
sind
Alle nicht aufgeführten Verfahren und Behandlungsstoffe sind im ökologischen Weinbau nicht
zulässig.
Dies gilt auch für neu auf den Markt kommende Mittel."

Ich finde, das ist schon eine lange Liste, auf der offensichtlich auch die Hefen und Tannine  nicht fehlen.

Um nicht nur international arbeitende französische Firmen wie die schon erwähnte Litorale mit ihren deutschen Seiten der angebotenen Zusatzstoffe zu zitieren, hier noch ein Link zu einer original deutschen Seite aus Geisenheim, auch da ist die Auswahl atemberaubend und weiter unten findet man auch die angebotenen Gerbstoffe.

Interessant, wenn auch nur in der französischen Fassung verfügbar, fand ich die vergleichende Liste auf der Seite des ITV Midi-Pyrénées (einem regionalen Ableger des Institut Technique pour la Vigne et le Vin  -Nationales Forschungsinstitut für die Techniken von Weinbau und Weinbereitung). Hier werden in einer Tabelle viele Zusatzstoffe aufgelistet, deren erlaubte Verwendung im Vergleich zwischen OIV (= Frankreich), der Schweiz, der EU und den USA vermerkt wird.

Danach darf man Tannine offensichtlich überall verwenden. Aber eben nicht nur die, sondern auch alles andere: manchmal sind die erlaubten Mengen unterschiedlich, manche in Europa erlaubten Stoffe scheinen in den USA nicht zugelassen zu sein – und auch umgekehrt.

Es  wäre schön, wenn der eine oder andere Fachmann (Winzer, Oenologe, Kellermeister), der diese ganze Liste aus seinen Studien kennt, diese Liste kommentieren würde. Im Internet findet man darüber  verständlicherweise nicht sehr viel, da es sich für den Praktiker wohl zwar um Produktionshilfen aber vielleicht nicht unbedingt um Verkaufsargumente handelt....(habe ich da was vom deutschen Reinheitsgebot gehört?)

Ich hoffe, damit habe ich Wolfs Frage erst mal halbwegs zufriedenstellend beantwortet und wende mich jetzt erst mal wieder meinen langsam dem Ende zustrebenden Spontangärungen zu.



Samedi 6 octobre 2007
"Was tut der Winzer eigentlich nach der Weinernte?" fragt und erklärt Bernard Fiedler in seinem letzten Blogartikel.

Nun, das kommt drauf an, zu welcher Kathegorie er zählt.  Bernard gibt da einige Hinweise auf  die Möglichkeiten der "additiven Oenologie", die man sich mal langsam auf der Zunge zergehen lassen sollte (oder vielleicht bessser doch nicht?).

Einen kleinen Vorgeschmack darauf hatte ich hier auch schon einmal unter dem Titel "Was ist daran noch natürlich?" gegeben.

Jetzt habe ich eine schöne bildliche Illustration auf einer meiner Lieblingsblogseiten gefunden.

Bertrand Celce, bekannt durch seine so hervorragend illustrierten Winzerbesuche in ganz Europa (Sie erinnern sich vielleicht  an den Moonshine-Wodka...), hat es diesmal in ein Fachgeschäft für Winzerbedarf verschlagen - irgendwo in Frankreich - aber sicher auch in allen anderen  weinproduzierenden Ländern so zu finden.

Damit das Verständnis nicht an der Sprache (er veröffentlich in Englisch) scheitert, habe ich mir seine Erlaubnis eingeholt, den Artikel zu übersetzen - für  Nicht-Anglophoniker folgt hier also der Text seines Artikels in deutscher Übersetzung.

"Irgendwo in Frankreich ...
Es ist Erntezeit und damit auch wieder die Hochsaison für die Biotech-Labore und die Chemiekonzerne, die hinter der ständig wachsenden Zahl von Produkten stehen, die inzwischen den Winzern, sowohl in der alten als auch der neuen Welt zur Verfügung stehen......Während ein Großteil dieser Geschäfte diskret über Post oder Internet abgewickelt werden, gibt es auch ein paar reale Läden, in denen Önologen und Winzer einkaufen können und auch in letzter Minute noch Hefen, Enzyme oder z.B. Taninpulver erwerben können. Willkommen in der realen (aber versteckten) Welt des modernen Weins.
Sie haben vielleicht bemerkt, dass die Weingüter und Winzer die auf Wineterroirs vorgestellt werden, oft diejenigen sind, die keine biotechnischen Produkte benutzen und in dieser Hinsicht eher in die „natürliche“ oder „echte“ Weine Kategorie fallen, was bedeutet, dass ihre Weine ohne irgendeins der zahlreichen chemischen Produkte entstehen, die die Speziallabore seit 10 oder 20 Jahren auf den Markt geworfen haben.  Trotzdem sollte man natürlich offen bleiben und alle Arten von Wein probieren und genießen, auch die, die mit modernen Weinzusätzen produziert wurden, aber es wäre doch nur fair, wenn die Verbraucher ein wenig mehr darüber erführen, was dieser Wein alles mitbekommen hat. Aber können Sie sich wirklich vorstellen, dass diese „modernen Weingüter“ in ihren wunderschönen Verkostungsräumen über all die magischen chemischen Zusätze kommunizieren würden, mit denen sie ihren Wein vollgestopft haben?  Das wäre in der Tat nicht sehr romantisch und noch verbindet man ja eine mystische Reinheit mit der Aura des Weins, es gibt starke Hemmungen auf allen Seiten, inklusive der Weinmedien und Weinschreiber, das Thema zu stark zu vertiefen.
Nicht dass ich hier den Spielverderber machen wollte, aber hier folgt zur Abwechslung einmal ein kurzer Blick in einen Laden für Zusatzstoffe, was eine sehr gesunde Erfahrung sein kann und uns hilft, mehr über unsere Weine nachzudenken und die richtigen Fragen zu stellen.

Bild: Die Hefe-Gondel

Der Laden, der in diesem Artikel vorgestellt wird, verkauft traditionelles Gerät für Weingüter, wie Pumpen, Handschuhe, Thermometer, Plastikbehälter und Traubenrechen, um nur ein paar davon zu nennen, aber die Gondeln und Regale mit den Weinzusätzen sind wohl am interessantesten, weil diese Abteilung in den letzten Jahren größenmäßig geradezu explodiert ist. Sie finden hier viele verschiedene Sorten von industriell hergestellten Hefen, von denen jede dem zukünftigen Wein ein spezielles Aroma vermittelt, Sie finden Taninpulver, das man dem Wein wie Mehl bei rühren kann oder die Enzyme, Nährstoffe, das Gummi Arabikum, das die Weine abrunden soll und noch jede Menge chemischer Wundermittel....Tafeln oben an den Regalen helfen dem Winzer, seine Wahl zu treffen, indem sie die Eigenheiten der verschiedenen Hefen angeben, die nach Weinsorten wie "Sauvignon", "andere Weissweine" "Universalhefen", "Rosés", "Primeur-Weine", "leichte Rotweine" and "schwere [starke] Rotweine" unterteilt sind.

Bild: Hefe-Packungen mit ins Auge fallenden Fruchtabbildungen, um die Aromen zu illustrieren

Durch einen solchen Laden zu laufen, sollte für jeden Weinliebhaber, der mehr über den Wein lernen möchte,  einmal im Leben zur Pflicht gehören. Kritiker und Sommeliers sollten auch ihre Stimme erheben und eine Lobby für mehr Transparenz über die Verwendung von Zusatzstoffen durch Weinbetriebe bilden.  Denn es handelt sich hier um eine verborgene Seite der kommerziellen Weinbetriebe, die großzügig davon Gebrauch machen, gerne im Schatten halten würden. Das hier benutzte Adjektiv (kommerziell) ist nicht perfekt und könnte leicht missverständlich sein, wenn es so verstanden würde, als ob Naturwein-Winzer  (oder Echtwein-Winzer, nennen Sie es wie Sie wollen) ihre Weine nicht verkaufen müssten, aber das Wort „kommerziell“ illustriert doch sehr gut die Philosophie hinter dem systematischen Gebraucht von Zusatzstoffen: ein vorhersagbares, risikofreies, formatiertes Produkt zu machen, dass man zum genau richtigen Zeitpunkt auf dem Markt platziert und das in großen Mengen.  Während auf der Seite der Weinbereitung oft intensiv Gebrauch von diesen Techniken gemacht wird, motiviert von einer Kultur der Effizienz und des Profits, wird der Verbraucher auf der Kommunikationsseite mit einer  anderen  Geschichte unterhalten, in der „Übermittlung“, „Tradition“, „Erbe“ und „Terroir“ in den Vordergrund gestellt werden....

Bild: Ein-Kilo-Beutel mit Taninpulver

Die Biotech-Firmen, die diese Produkte herstellen, sind dem Weintrinker nicht unbedingt alle bekannt, und während ich einige schon in meinem Artikel über Zusatzstoffe vom November 2006 , wie Laffort Oenologie erwähnt habe, sind mir andere neu, wie Littorale Oenologie  (Link zur deutschsprachigen Seite) (das kürzlich von der holländischen Gruppe DSM übernommen wurde), Martin Vialatte Oenologie, Lamothe Abiet Pinosa und Anchor Biotechnologies. Die französische Biotech-Firma Lamothe Abiet Pinosa hat sogar einen verkaufsträchtigen Namen für seine Taninpulver-Produkte gefunden (siehe Bild oben)...:-)
Kleine Erläuterung: dieser Beutel Gallo Tanin B besteht aus Kastanienbaumgerbstoffen, denen man nachsagt, dass sie die Klärung von Weiss- und Roséweinen verbessert.
Dem Kleingedruckten nach soll man eine Dosis von 5 bis 15 Gramm pro Hektoliter mit heißem Wasser vermischen (40°C), bevor man die Mischung während des Umpumpens in den Wein gießt. Die Gebrauchsanweisung empfiehlt auch, den Injektionsdosierer der gleichen Firma dabei zu benutzen.... Ich war von den niedrigen Preisen dieser Produkte überrascht, das 1 Kilo Gerbstoff Paket kostet nur ungefähr 7,50 Euro inkl. Steuern, die Hefepakete um 20 Euro. Es ist also nicht erstaunlich, dass Winzer in Versuchung kommen, diese Mittel zu verwenden... "

Na dann Prost und wohl bekomm's!



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